Samstag wars, die Temperaturen sind mit „hochsommerliche Hitze“ gut beschrieben, und ich hatte einen Plan. Mächtig gewaltig. Eigentlich sogar zwei Pläne. Und die wurden auch umgesetzt. Darüber hinaus passierten auch noch ungeplante Sachen und mindestens ein dussliges Missgeschick.
Der erste Teil des Plans lautete ganz simpel: Befahre die Bahnstrecke von Klosters Platz Richtung Filisur bis mindestens zur Station Davos Monstein. Warum? Weil ich diese Strecke in diesem Abschnitt noch nicht gefahren war und mir das dementsprechend in meiner Statistik noch fehlte. Alle anderen Strecken der rhätischen Bahn (mit Ausnahme des Abschnitts östlich vom Vereinatunnel nach Scuol-Tarasp) bin ich schon mehrfach gefahren, und dieser Lückenschluss war nun langsam mal fällig.
Den Abschnitt von Filisur nach Davos Monstein war ich 2013 gefahren, als ich damals mit meinem Studienkumpel Björn (Grüße gehen raus) zwei Tage in Filisur weilte. Damals waren wir von Filisur via Wiesener Viadukt und Zügenschlucht nach Davos Monstein gewandert, und heute war eine ähnliche Tour geplant. Von Davos Monstein durch die Zügenschlucht, aber dann nicht über den Wiesener Viadukt, sondern hinunter ins Landwassertal und weiter zum Landwasserviadukt und von dort aus dann mit dem Zug zurück nach St. Moritz.

Der zweite Teil des Plans war der Besuch des Fotostandorts am Schmittentobel, von dem aus man den besten Blick aufs Landwasserviadukt hat. Und wenn man schon mal da ist, kann man auch Züge knipsen, bis einem die Sonne zu viel wird.
Die große Vorbereitung
Das war also der Plan, und entsprechend begann der Tag mit Frühstück – schick mit Kännchen Kaffee und Wurstbrot. Punktabzüge gab es für den nicht vorhandenen Scheibenkäse, am frühen Morgen schon mit dem groben Hobel Käsestücke aus dem Vollen schnitzen ist jetzt eher weniger mein Fall. Gut gestärkt ging es dann direkt los mit Frühsport: Vom Restaurant im Tiefgeschoss die Treppe bis in den vierten Stock hochkraxeln, und das als Höhentraining, denn St. Moritz liegt ja auf knapp 1800m.
Nachdem ich dann die Wanderstiefel umgeschnallt hatte, ging es die Treppen wieder runter, Schlüssel am Empfang abgeben und auf zum Bahnhof. Seit dem großen Umbau um 2013 herum marschiert man dazu Richtung Kulm Hotel (das mit dem dicken Rolls-Royce in der Einfahrt) und biegt dahinter rechts ab ins Parkhaus, denn da kommt man mittels (Roll-)treppe runter auf die Bahnhofsebene. Ich wollt ja trainieren, also ging es die Treppe runter. Und weil das Hirn ja auch trainiert werden muss, habe ich Treppenstufen gezählt. Immer 18 Stufen bis zum nächsten Absatz, aber die allerletzte Treppe – so nach ca 150 Stufen) ist dann anders geschnitten, und prompt hab ich mich verhaspelt. Das passierte man dann in den folgenden Tagen immer wieder, ich bin also offensichtlich zu doof, bis 192 zu zählen – zwischen 188 und 194 war alles dabei. Vielleicht wars auch das Multitasking – Treppen steigen und zählen gleichzeitig, oder der Kaffee hatte einfach noch nicht gewirkt.
Auf jeden Fall biegt man dann links ab durchs Parkhaus und kommt direkt am Bahnhof raus. Das Parkhaus hat dafür einen breiten Zebrastreifen und außerdem ist dort jeder Parkplatz an der Decke farbig markiert – grün für „frei“ und rot für „belegt“. Man sieht also sehr schnell, ob sich irgendwo hinten hinter dem dicken SUV noch ein freier Platz versteckt. Frauenparkplätze sind nicht grün, sondern dunkellila markiert.
Und während ich an der Handvoll Frauenparkplätze vorbeilief – da stand ein dicker Range Rover (das ideale Frauenauto für die Innenstadt *hust*) und eine Gruppe von Frauen, die eifrig diskutierten. Eine der Damen hatte sich mitten auf den Frauenparkplatz gestellt, und die Diskussion drehte sich nun darum, dass man auf dem Frauenparkplatz ja Frauen parkt statt Autos. Kann man schon mal so sehen.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich lief zum Bahnhof und begann eine längliche Reise mit der Kuh ums Dorf mit mehrfach Umsteigen.
St. Moritz – Samedan (5.3 km, 0:33h, ↗0m, ↘85m)
Anmerkung: Die Zeit und Höhenmeter beinhalten den Weg vom Hotel zum Bahnhof, die Fahrt selbst dauerte keine 10 Minuten.
Der erste Abschnitt der Reise war eine sehr kurze Fahrt mit dem Zug, bei der es sich quasi nicht lohnte, sich überhaupt zu setzen. Mit kurzem Zwischenhalt in Celerina ging es nach Samedan, quasi zwei Stationen weiter von St. Moritz. Der Zug von St. Moritz aus fährt dann weiter über die Albulastrecke, während ein aus Pontresina kommender Zug die Korrespondenz Richtung Vereinalinie herstellt. Und weil ich ja nicht auf kürzestem Weg nach Davos Monstein wollte, sondern von hinten durch den langen Tunnel war das eben mit Umsteigen verbunden. Das klappt ja hier aber problemlos, die Züge halten am gleichen Bahnsteig und man stiefelt nur einmal quer rüber. Da ist dann auch eine Umsteigezeit von weniger als fünf Minuten realistisch.
Samedan – Saglains (35.8 km, 0:47h, ↗0m, ↘295m)
Der zweite Zug des Tages fuhr nun Richtung Scuol-Tarasp, also immer am Inn entlang, der ja aus dem St. Moritzersee abfließt und sich dann teilweise in beeindruckende Schluchten gegraben hat, bevor er dann Richtung Österreich davonfließt. Da geht es also – verglichen mit der Albulastrecke – relativ unspektakulär Richtung Ost-Nord-Osten, bis man dann irgendwann den Inn nochmal überquert und dann in großem Bogen Zernez erreicht. Ab hier biegt das Tal samt Bahnstrecke in nordöstliche Richtung ab, die Schlucht ist hier deutlich tiefer und spektakulärer und dann ist man auch schon am Abzweig zum Vereinatunnel. Links abbiegen nach Klosters, geradeaus nach Scuol-Tarasp.

Der Zug tat letzteres, ich wollte ersteres, dementsprechend war jetzt wieder Umsteigen angesagt. In Sagliains war es nun wieder das gleiche Spiel, zwei Seiten eines Bahnsteiges und einmal quer rüber, keine fünf Minuten später geht es weiter. Faszinierend wie gut sowas klappen kann wenn man seine Infrastruktur auf sowas hin trimmt.
Sagliains – Klosters Platz (22.9 km, 0:19h, ↗0m, ↘232m)
Der mit Abstand spektakulärste Abschnitt der Fahrt folgte nun auf dem Fuße – wenn man das Anschauen einer dunklen Tunnelwand für spektakulär hält. Der Vereinatunnel ist über 20km lang, damit der weltweit längste Tunnel einer meterspurigen Eisenbahnlinie und die Fahrt da durch dauert eben eine reichliche Viertelstunde. Sagliains liegt am südlichen Tunnelende, Klosters am nördlichen. Viel mehr gibt es zu dieser Fahrt nicht zu erzählen, außer dass es bis Sagliains, also auf der Südseite, einigermaßen bewölkt war, während in Klosters die Sonne ungehindert vom blauen Himmel brutzelte.
Klosters Platz – Davos Monstein (27.8 km, 1:20h, ↗138m, ↘0m)
Anmerkung: Die Zeit enthält 30min Wartezeit am Bahnhof Klosters Platz.
In Klosters hatte ich nun eine halbe Stunde Aufenthalt, weil ich ja unbedingt mit der Kuh ums Dorf fahren musste, anstatt wie ein normaler Mensch die direkte Verbindung zu nutzen. Somit saß ich also bei schönstem Sonnenschein und ständig steigenden Temperaturen am Bahnhof herum. Ich hätte in einen Zug einsteigen können, der mich bis Davos gebracht hätte, aber dann hätte ich dort wieder eine halbe Stunde gewartet und wäre in genau den gleichen Zug gestiegen, auf den ich gerade in Klosters wartete. War also gehupft wie gesprungen, es saß sich da auf der Bank am Bahnsteig aber auch so ganz angenehm.
Die eigentliche Zugfahrt war nun tatsächlich eine Premiere für mich, denn diesen Streckenabschnitt kannte ich ja nun noch nicht. Der beginnt auch direkt mit einer spektakulären Schleife von Klosters aus um 180 Grad nach Norden, um dann in einer weiteren Schleife nach Westen abzuknicken und Höhe zu gewinnen. Dann hat man im Prinzip auch schon das Hochplateau von Davos erreicht.
Davos selbst – bekannt aus den Nachrichten von diesem Weltwirtschaftsforum – hat gleich mehrere verstreute Haltestellen. Am Davosersee war viel Betrieb mit Baden, Wasserski und ähnlichem, bei dem herrlichen Sommerwetter war das ja auch angebracht. Hinter dem eigentlichen Bahnhof Davos Platz folgen dann in teilweise beachtlichem Abstand noch weitere Haltepunkte als Bedarfshalt. Einer davon ist dann Davos Monstein, wo nicht nur ich ausstieg, sondern ein halbes Dutzend weitere Wanderer.
Wanderung (15.0 km, 4:13h, ↗815m, ↘1093m)
Anmerkung: Die Höhenwerte stimmen nicht, da hatte das GPS diverse Empfangsprobleme. Realistischer ist weniger als die Hälfte der Höhenmeter. Außerdem ist in der Aufzeichnung der kurze Trip mit dem Viaduktshuttle über den Landwasserviadukt mit drin, das verzerrt die Dinge zusätzlich. Die reine Wanderzeit war eine reichliche Stunde kürzer, ich saß am Ende längere Zeit am Aussichtspunkt und fotografierte Züge, und dann ist da auch die Fahrt mit dem Viaduktshuttle und die Wartezeit in Filisur mit drin.
Erste Amtshandlung war nun das Auftragen von Lichtschutzfaktor, immerhin war ich auf über 1000 Höhenmetern unterwegs. Außerdem musste ich den restlichen Wandereren den Weg weisen, weil die offensichtlich ohne Vorplanung den Plan „Richtung Wiesener Viadukt wandern“ gefasst hatten und der Wanderweg nicht direkt ausgeschildert war – da stand nur ein Wegweiser „Zu den Wanderwegen“. Man muss da halt noch 200m die Straße lang auf nem Trampelpfad bis zum nächsten Wegweiser, und ab da beginnt dann der Wanderweg über die alte Zügenstraße.

Das war bis in die 1970er Jahre hinein die Verbindungsstraße Richtung Alvaneu und ins Albulatal. Sie entsprach damals nicht mehr den verkehrlichen Anforderungen (zu schmal, steinschlaggefährdet usw.) und wurde durch einen langen Tunnel ersetzt. Die alte Straße ist nun also ein breiter und schön einfach begehbarer Wanderweg mit spektakulären Tunneln und Ausblicken in die Zügenschlucht. Entsprechend populär ist der Wanderweg, es waren etliche Wanderer unterwegs.
Umso irritierter war ich mich keine 10 Minuten nach Beginn der Wanderung, quasi am ersten größeren Knick im Wanderweg, plötzlich mit nackten Tatsachen konfrontiert sah. Da hatte sich eine Badenixe zum Sonnenbaden oben ohne ins Bachbett auf einen großen Stein gelegt. Kann man machen, aber wenn man dabei nicht gestört werden will, sollte man es vielleicht nicht weniger als 50m neben einem viel begangenen Wanderweg tun. Besagte Badenixe rollte sich nämlich ob der plötzlich ankommenden Wanderer hastig in ihr Badetuch. Im Übrigen standen da alle paar Meter Schilder, dass man sich im Naturschutzgebiet befindet, nicht vom Weg abweichen soll und der Aufenthalt im Bachbett lebensgefährlich ist. Letzteres liegt an der Regulierung des Wasserstandes wegen Hochwasserabwehr und zusätzlich zur Energiegewinnung in Wasserkraftwerken. Da kann also jederzeit mal eine größere Flutwelle kommen, auch wenn es seit Wochen nicht geregnet hat. Wie auch immer, mir kam spontan Loriot in den Sinn, der ja gesagt hatte „ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“. Ich hatte also quasi wilde Waldmöpse in freier Wildbahn gesichtet.
Weiter ging es nun ohne weitere ungewöhnliche Sichtungen. Der Weg windet sich durchs Tal, links und rechts steigen steile Felswände an, nebenan rauscht das Landwasser im Bachbett und nach jeder Ecke gibt es tolle neue Fotomotive – mal ein in den rohen Fels gehauener Tunnel, mal die Eisenbahnbrücke, die an beiden Enden in Tunnel übergeht, In Richtung Davos Wiesen schneidet sich das Landwasser immer tiefer in die Schlucht, während die Straße – anfangs noch auf Ebene des Wassers – graduell immer mehr Höhe gegenüber dem Talgrund gewinnt, was wiederum die Aussichten immer spektakulärer macht, je näher man Davos Wiesen kommt.
Kurz vor besagtem Davos Wiesen biegt die Straße nach Norden ab. Hier hat man noch mal einen tollen Aussichtspunkt, bevor es nun auf einem schmalen Wanderweg weiter direkt nach Davos Wiesen ging. Das war nun schon ziemlich zur Mittagszeit, entsprechend gut besucht war der Wanderweg und entsprechend voll war das Café am Bahnhof Davos Wiesen. Auf süßen Kuchen oder eine Portion salzige Pommes hatte ich jetzt ohnehin keinen Bock. Die Temperaturen hatten inzwischen die 30 Grad überschritten, das Trinken kohleydratreicher Getränke war also mehr als ausreichend.
Nach kurzer Pause begann nun der zweite Teil der Wanderung, von Davos Wiesen aus hinunter ins Landwassertal. Das ist ein schmalerer Wanderweg, der gleichzeitig für Mountainbiker freigegeben ist. Laufen lässt es sich ganz gut, man muss halt nur extrem aufpassen, ob hinter einem ein rücksichtsloser Kampfradler angerauscht kommt. Sehr cool fand ich da zwei vorbildliche Radler, die einfach eine ganze Armada an Glocken an ihre Lenkerstangen gebastelt hatten. Man stelle sich eine Kuh samt Kuhglocke vor, die im Schweinsgalopp (oder Kuhgalopp?) den Berg runtersprintet, und das auf dreifachem Tempo. Die Jungs waren also schon ewig vorher zu hören und man konnte problemlos an geeigneter Stelle warten und sie durchlassen.
Unabhängig davon gab es schöne Aussichten auf den Wiesener Viadukt, über den man auch drüberlaufen kann, wenn man von Davos Wiesen in Richtung Filisur laufen will – das hatten Björn und ich damals in umgekehrter Richtung gemacht. Damals gab es aber auch den Haltepunkt am Landwasserviadukt noch nicht, der heute mein Wanderziel war.
Ich war noch nicht ganz auf Talniveau angekommen, da fehlten noch ungefähr fünf Meter, als mir ein fieses Missgeschick passierte. Ich stolperte über eine ganz gemeine fußangelige Wurzel, und verlor das Gleichgewicht. Ich fiel also nach vorne und während ich mich noch mit einem Ausfallschritt vorm Sturz zu retten versuchte entwickelte der schwere Rucksack mit den Getränken auf dem Rücken ein Eigenleben und zog mich erst weiter nach vorn und dann plötzlich nach links – vom Weg runter ins Gebüsch. Blöderweise ging es dort aber eben auch steil nach unten Richtung Bach. Urplötzlich fand ich mich also neben dem Weg am Abhang im Gebüsch liegend wieder, mit dem Kopf ungefähr auf Weghöhe. Glücklicherweise war die Böschung zwar steil, aber auch voll mit Büschen, so dass ich mich recht problemlos wieder auf den Weg strampeln konnte. Das hätte echt blöd ausgehen können.

Die restlichen Höhenmeter verliefen nun aber ohne weitere Zwischenfälle, der Weg wurde breiter, überquerte auf einer Holzbrücke den Bach und hielt nun mehr oder minder topfeben auf das Landwasserviadukt zu. Durch den verwinkelten Lauf des Baches und entsprechend des Wanderweges daneben ist der Viadukt von dieser Seite quasi erst sichtbar, wenn man schon quasi drunter steht. Aus der anderen Seite sieht man ihn ja schon aus mehreren Kilometern Entfernung.
Unter dem Viadukt gibt es einen kleinen Kiosk mit Bänken, da kann man also gut verweilen, was auch viele Wanderer taten. Die Tourismusfritzen sind dort echt bestrebt, den Zugang möglichst einfach zu gestalten, so fährt so eine kleine Bummelbahn wie man sie von Freizeitparks kennt vom Bahnhof Filisur aus den runden Kilometer bis zu diesem Ort – da geht es auch weniger um die Entfernung als um den Höhenunterschied. Der Viadukt hat 65m Höhe, der Bahnhof Filisur liegt nochmal einige Meter höher, also sind das schon so knapp 100m Höhenunterschied.
Ich wollte zwar nicht zum Bahnhof Filisur, aber einen finalen steilen Anstieg hatte ich nun auch noch vor mir. Inzwischen war es 13 Uhr durch, laut Fahrplan kommt kurz nach halb der Bernina-Express, und den wollte ich fotografieren. Dazu musste ich nun noch die Fotostelle erreichen. Die liegt oberhalb des Viaduktes auf der Südseite des Tals, also eben knapp 100m höher. Früher hätte man den Weg hochmarschieren müssen, dann Fotos gemacht, wäre dann wieder ins Tal abgestiegen und wäre dann auf der anderen Seite wieder 100m hoch zum Bahnhof gelaufen. So erpicht war ich dann doch nie auf eigene Fotos von diesem Spot, dass ich mir das antun wollte. Nun hat die Rhätische Bahn aber vor 2-3 Jahren einen neuen Haltepunkt eingerichtet, direkt am Schmittentobelviadukt, quasi 100m vor dem Fotopunkt. Da hält nur ein extra eingerichteter Viadukt-Shuttle, der im Sommer den ganzen Tag zwischen Filisur und Alvaneu pendelt, so dass man alle halbe Stunde Anschluss nach Filisur hat. Dementsprechend brauchte ich nun bloß noch einmal den Berg hoch, konnte Fotos machen und dann im Shuttle nach Filisur fahren. Das war dann auch der mächtig gewaltige Plan.
Der Aufstieg war steil und anstrengend, die Hitze half auch nicht unbedingt. Einige Verschnaufpausen später war ich am Schmittentobel und damit am neuen Haltepunkt angekommen, von hier aus waren es nun nur noch 150m und zehn Höhenmeter zum Aussichtspunkt. Dort war auch gut Betrieb, man hat dort mehrere Picknicktische und eine Feuerstelle, auch wenn Grillen bzw. offenes Feuer aufgrund der Witterung in der gesamten Gegend streng verboten war wegen Waldbrandgefahr. Da war auch gut Betrieb und ich war auch nicht der Einzige, der dort Züge knipsen wollte.
Keine zehn Minuten später kam auch schon der Bernina Express mit seinen Panoramawagen und ich überlegte nun, was ich noch machen wollte. Eine Stunde später wäre der Glacier Express durchgekommen. Das war verlockend, aber der Viaduktshuttle fuhr 5 Minuten vorher – oder eben nochmal eine Stunde später. Inzwischen war es fast 14 Uhr, der nächste Zug ab Filisur nach St. Moritz fuhr um 15 Uhr, den würde ich verpassen wenn ich hier auf den Glacier Express warten würde. Das wäre mir ansich relativ egal gewesen, aber ich hätte dann noch über eine Stunde in der prallen Sonne gesessen, und da hatte ich dann Angst vor Sonnenbrand.

Also trollte ich mich gegen 14 Uhr zum Haltepunkt. Der hat zwar die geilste Aussicht aller Haltepunkte der Schweiz, aber eben auch null Wetterschutz, man sitzt in der prallen Sonne. Da fuhr dann zunächst der Regionalzug nach St. Moritz durch, der Filisur gegen 14 Uhr verlässt, bevor der Viadukt-Shuttle kam. Der besteht eigentlich nur aus einer Lok, einem offenen Aussichtswagen und einem zweiten Wagen mit Wendezugsteuerung. Vier Nasen bestiegen den Zug, also drei plus meine Wenigkeit.
Fünf Minuten Fahrt im offenen Aussichtswagen auf Holzbänken über den Landwasserviadukt, durch den Landwassertunnel und die letzten paar Meter nach Filisur – geilste Bahnfahrt des Tages, mit Abstand. Nun stand ich viertel nach zwei am Bahnhof Filisur und musste noch bis 15 Uhr Zeit totschlagen. Ich ließ mich auf der Webcam vom Bahnhofshotel filmen, wo mich dann auch meine Eltern sehen konnten – scheiß moderne Technik, überall wird man überwacht… Kurz nach halb kam der Glacier Express und hielt kurz im Bahnhof – nicht voll ausgebucht, außer in der Excellence Class.
Aus Richtung Davos kam ein historischer Zug – also moderne Lok, aber historische Wagen, noch so richtig mit offenen Plattformen an den Enden und alten Holzbänken und Raucherwagen, in denen heutzutage trotzdem nicht mehr geraucht werden darf. Statt Mehrzweckfahrradabteil gab es einen Gepäckwagen mit Gepäckschaffner, wie ich es zuletzt in meiner Kindheit erlebt habe. Das war halt klassische Eisenbahn wie vor 50-60 Jahren üblich.
Rückfahrt (38.6 km, 0:58h, ↗636m, ↘0m)
Ich war trotzdem froh, dass heutzutage moderne Züge mit Klimaanlage fahren, so überstand ich dann die finale Rückfahrt ab 15 Uhr bis kurz vor 16 Uhr recht unbeschadet. Fahrten über die Albulastrecke sind sowieso immer ein Highlight, das Fotografieren sparte ich mir, am nächsten Tag war da ohnehin Wanderung geplant. Und so erreichte ich dann etwas knülle und verschwitzt, aber ziemlich zufrieden St. Moritz.

Dort angekommen ging es den gleichen Weg zurück wie am Morgen – durchs Parkhaus und diesmal aber die Rolltreppen hoch statt die Treppe. Das finale Missgeschick des Tages passierte mir dann am oberen Ende der Rolltreppen: Ich wollte nach dem Heraustreten aus dem Parkhaus die Sonnenbrille wieder aufsetzen und bemerkte, dass sie sich in dem Augenblick wo ich die Bügel ausklappte in ihre Einzelteile auflöste – das linke Glas war herausgefallen. Der gleiche Mist war mir bereits vor Jahren mit dem rechten Glas passiert, allerdings in Erlangen vor der Haustüre. Glück im Unglück: Das Glas war einfach nur runtergefallen und ein aufmerksamer Bub neben mir hatte es schon aufgehoben und reichte es mir. Zweites Glück im Unglück: Auf dem Weg zum Hotel kam ich an einem Optiker vorbei. Unglück im Unglück: Es war Samstag nach 16 Uhr, der Laden war geschlossen. Das hieß nun auch, dass ich am nächsten Tag auch keine Sonnenbrille zur Verfügung hatte. Das war nun ein etwas unglücklicher Ausgang des Tages.
Im Hotel angekommen und eine Dusche später sah das dann alles schon wieder etwas besser aus. Ich hatte ja doch einiges erlebt. Den Rest des Abends verbrachte ich zappenderweise auf dem Hotelbett herumlümmelnd, wobei diesmal nicht die Kika-Nachtschleife lief, sondern eine mehrteilige Dokumentation über den FC Hollywood. Da ging es um die Zeiten vor rund 30 Jahren, als es hieß Trapp gegen die Mannschaft, Scholl und Basler gegen Trapp, Klinsmann gegen Loddar, Loddar gegen alle, der Kaiser gegen König Otto und was damals sonst noch so alles lief. Zu der Zeit verfolgte ich die Bundesliga noch am Rande und freute mich schon diebisch, als 1997 der FC Kaiserslautern am ersten Spieltag mit König Otto die Bayern in München besiegte und anschließend Otto Rehhagel süffisant grinsend im Sportstudio saß.

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